Home Blog Hurra, total komplex! Oder was jetzt? – Eine Nachbetrachtung zum PMCamp Berlin 2015

Hurra, total komplex! Oder was jetzt? – Eine Nachbetrachtung zum PMCamp Berlin 2015

Komplizierte Probleme in einer komplexen Welt: Für die Unterscheidung, ob ein System, eine Frage oder ein Problem kompliziert oder komplex ist, gibt es mit dem Cynefin-Framework zwar eine Definition, aber letztlich geht da doch viel durcheinander.

Im allgemeinen Sprachgebrauch neigen wir dazu, „komplex“ als Synonym für „sehr kompliziert“ zu gebrauchen, was eindeutig nicht der Definition entspricht. Diese lautet im Wesentlichen:

  • Komplizierte Kontexte beruhen auf klaren, eindeutigen Regeln und linearen Abhängigkeiten zwischen vielen Elementen – die allerdings nur Experten mit Hilfe einer Analyse erkennen können. Selbst wenn ich als Laie nicht verstehe, wie ein Flugzeugtriebwerk oder das deutsche Steuerrecht genau funktionieren, bestehen diese Systeme aus einer endlichen Zahl von Gesetzmäßigkeiten. Wer sich darin auskennt, kann das System beherrschen und die Reaktion bei Veränderungen vorhersagen.
  • Komplexe Kontexte dagegen beruhen auf nonlinearen Interaktionen zwischen sehr vielen Elementen in einem dynamischen System. Im Rückblick erscheint es oft so, als hätte man Entwicklungen vorhersagen können – auf Grund der ständigen Veränderung des Systems, seiner Elemente und der externen Bedingungen ist eine korrekte Vorhersage allerdings nicht möglich. Der Wetterbericht ist ein Paradebeispiel, dassein komplexes System ist niemals vollkommen beherrsch- und vorhersagbar ist.

Die große Herausforderung liegt darin, den Unterschied zu erkennen und je nach Kontext angemessen vorzugehen. Erkennen – Analysieren – Reagieren funktioniert in komplizierten Systemen bestens. In komplexen Kontexte dagegen lautet die Reihe: Ausprobieren – Erkennen – Reagieren.

Je mehr nun Menschen anstelle von Gegenständen im Mittelpunkt unserer Geschäfte stehen, umso relevanter wird es, sich über diese unterschiedlichen Kontexte und die entsprechenden Vorgehensweisen bewusst zu werden.

Das PM Camp Berlin

1. Tag des PMCamp Berlin (c) http://www.visual-braindump.de/

PMCamp Berlin (c) http://www.visual-braindump.de

Auf dem PM Camp Berlin am 11./12. September 2015 standen genau diese Themen im Mittelpunkt: Wie erkennen und verhindern wir, dass wir regelbasierte, also für komplizierte Systeme geschaffene, Methoden auf unvorhersehbare, also komplexe Bereiche anwenden? Mit welchen Werkzeugen gelingt es, sich in der Komplexität zurecht zu finden und diese zwar nicht steuern, aber zumindest in den Griff zu bekommen? Und wie gelingt der notwendige und zum Teil kleinteilige Switch zwischen den Domänen?

Komplexität nimmt, historisch gesehen, zu

Die Organisation unserer Arbeitswelt beruht im Wesentlichen noch auf der Produktionsindustrie des frühen 20. Jahrhunderts. Normierung und Standardisierung führten dazu, dass man sich in den allermeisten Bereichen auf klare Regeln stützen und entsprechende Verwaltungs- oder Management-Strategien entwickeln konnte.

Mit dem Wandel zu einer Wissens- und Kommunikationsindustrie haben wir es nun jedoch mit komplexen Systemen zu tun. Diese mit den gleichen Methoden und Vorgehensweisen steuern zu können wie sie aus der Produktionsindustrie bekannt sind, sei das zentrale Missverständnis. Im neudeutschen „Human Ressources Management“ steckt der Kern dieses Missverständnis ebenso wie im Glauben, Marktpotential und Umsatzentwicklung analysieren und vorab berechnen zu können.

Erkenne, wo du stehst, um zu wissen, wie du handeln musst. 

Das Wichtigste ist daher zu erkennen, wann man es mit komplexen oder aber mit regelbasierten Systemen zu tun hat und sein Vorgehen entsprechend anzupassen. Während man regelbasierte Systeme logisch analysieren und das beste Verhalten dafür vorhersagen kann, gilt für komplexe Themen: Hypothesen aufstellen, ausprobieren, beobachten, reagieren.

Für alle diese Phasen – das Kreieren von Ideen und Hypothesen, den Aufbau von klugen Tests, das Messen von komplexen Faktoren und deren Anpassung – gibt es zahlreiche, mehr oder weniger bewährte Praktiken. Man muss „nur“ verstehen und akzeptieren, dass man komplexe Systeme per se nicht vorhersagen und steuern kann, sondern sich ihnen mit Hypothesen annähern und Vorgehensweisen ausprobieren muss.

Dabei hilft es, sich die unterschiedlichen Brillen bewusst zu machen, mit denen man selbst Phänomene in der Regel betrachtet: Schaue ich eher durch die Brille eines Ingenieurs oder Handwerker, der die Kategorien „richtig“ und „falsch“ verwendet und am Ende vermelden kann, ob die Lampe brennt oder eben nicht?  Oder ist meine gewohnte Sichtweise eher „Kommt darauf an“, in der man sich all der unberechenbaren Drittfaktoren bewusst ist, die einen Einfluss haben werden und in der man sich zu Recht weigert, sich im Vorhinein auf ein Verfahren festzulegen.

PMCampBer (c) Ralf Eichner, http://berlin.pm-camp.org/2015/09/10/pm-camp-berlin-2015-impuls-und-sessions-freitag/

PMCampBer (c) Ralf Eichner, http://berlin.pm-camp.org/2015/09/10/pm-camp-berlin-2015-impuls-und-sessions-freitag/

Die unterschiedlichen Brillen beim PM Camp Berlin zeigen sich in der Storify-Zusammenfassung. Wir fanden es super und haben viel von und mit den anderen Teilnehmern gelernt – großen Dank an alle und besonders die Veranstalter!

Ich persönlich habe den Eindruck, dass vielen Menschen die eine oder die andere Sichtweise näher liegt, und sie typischer Weise versuchen die Probleme zunächst einmal auf „ihre“ Weise zu lösen.  Die Kunst aber ist es, schnell zu erkennen mit welchem System ich es zu tun habe. Denn nur dann kann ich das passende Vorgehen wählen.

 


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2 Antworten

  1. Martin Cormann

    Liebe Karin,
    toll auf den Punkt gebracht! Danke!
    Herzliche Grüße aus Bayern/Witten/Dresden
    Martin

  2. […] Hurra, total komplex! Oder was jetzt? – Eine Nachbetrachtung zum PMCamp Berlin 2015 [Karin Becker] […]

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