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Mein unerledigtes Knäckebrot

Ich bin nicht nachtragend, aber diesen Wetteinsatz werde ich wohl nie vergessen.

Sobald mir jemand heute eine Wette vorschlägt, muss ich an eine Packung Knäckebrot denken. Denn das war der Einsatz, als ich vor über 15 Jahren mit einem Kommilitonen über die Anordnung der Farben auf der belgischen Flagge wettete. Die Wette habe ich damals gewonnen. Die Packung Knäckebrot aber ist mir der Kommilitone schuldig geblieben.

Nun war so eine Packung Knäckebrot natürlich auch für einen minderbemittelten Studenten kaum mehr als ein symbolischer Einsatz und das Brot an sich ist mir herzlich egal. Ich bin mir aber sicher: Hätte mein Kommilitone mir damals bei nächster Gelegenheit die Packung auf den Tisch gelegt, hätte ich die Begebenheit inzwischen längst vergessen, selbst wenn es das leckerste Knäckebrot meines Lebens gewesen wäre. Aber es ist der Aspekt des Unerledigten, der dazu geführt hat, dass diese Episode sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat.

Emotion und Wiederholung: Marker des Gehirns, dass etwas wichtig sei

Das Gehirn sortiert Eindrücke und Informationen, um möglichst nur das langfristig und bewusst verfügbar abzuspeichern, was wichtig ist. Den Marker „wichtig“ erhält eine Information in der Regel entweder, weil der Sinneseindruck mit starken Gefühlen verbunden ist oder aber durch Wiederholung, egal ob in der Realität oder in der Erinnerung.

Damals, als das gewonnene Wett-Erlebnis noch frisch war, rief mir der Gedanke: „Da ist noch was offen!“ die Situation wieder neu in Erinnerung, zusammen mit einem gewissen Stolz, also einer positiven Emotion.

Und weil die Wettschuld offen blieb, passierte das nicht nur einmal, sondern immer mal wieder. Natürlich wurden die Abstände größer, aber es reichte aus, dass sich die Begebenheit durch die stetige Wiederholung in meinem Gedächtnis verfestigte. Was so oft gedacht wird, so die Folgerung des Gehirns, müsse doch wichtig sein!

Während man sich also dieses Prinzip der Wiederholung, wie schon beim Vokabeln lernen in der Schule, bewusst zu Nutze machen kann, zeigt dieses Beispiel wie sich Unerledigtes ungewollt festsetzen kann und wie wichtig es ist, Dinge zu Ende zu bringen.

Denn was angefangen, aber noch nicht abgeschlossen ist, bleibt sozusagen im Arbeitsspeicher liegen. Das sich wiederholende „Ach, ich wollte doch noch…“ reaktiviert diese Erinnerung wieder. Bis man sie irgendwann zwar noch immer nicht erledigt, sie sich aber im Gedächtnis fest zementiert hat.

‚You’d better finish what you started‘, würde ich dazu heute sagen.

Den Namen des Kommilitonen und Wettpartners von damals habe ich übrigens vergessen. Der war mir damals ja geläufig, den musste ich nicht wiederholen. Die Erinnerung an ein Knäckebrot als Wetteinsatz und die Anordnung der belgischen Flagge aber habe ich so oft aufgefrischt, dass sie meinem Gedächtnis wohl für immer präsent sein werden.

Obwohl ich wirklich nicht nachtragend bin!


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