8. Juli 2021

Krank im Homeoffice

Susanne Walter

Mein Kopf brummt, die Nase läuft. Ich fühle mich irgendwie matschig. Doch gleich beginnt das Meeting mit meinen Kolleg:innen und ich hatte versprochen, zu kommen. Also setze ich die Kopfhörer auf und starte die Videokonferenz.

Seit nunmehr 16 Monaten arbeite ich im Homeoffice. Mein Arbeitsort ist vom Büro hin zu meinem Küchentisch, der Couch oder auch mal dem Schlafzimmerfußboden gewichen. An sich gefällt mir das, ich nutze die Mittagspausen für den Haushalt und kann hin und wieder am Abend noch eine Idee für den nächsten Tag in mein Laptop tippen. Doch heute fühle ich mich krank. Und trotzdem klappe ich wie selbstverständlich mein Laptop auf und gehe zum Meeting. Hätte ich das im Büro auch gemacht? 

Die Frage, ob ich heute ins Büro gegangen wäre, kann ich ganz klar beantworten: nein. Zu groß die Gefahr, Kolleg:innen anzustecken und ich hätte mich auch nicht aufraffen können, das Haus zu verlassen. Doch so liege ich auf der Couch – im Meeting. Ich frage mich: Wann wäre ich „krank genug“, dies nicht mehr zu tun? Sollte ich mich heute besser krank melden?

 

„Es geht ja. So schlimm ist es nicht.“

 

So oder ähnlich klingt die Stimme in meinem Kopf, die mich ins Meeting treibt. Soo krank bin ich ja nicht. Doch ist es wirklich gesund, im Homeoffice auch krank zu arbeiten, während man nicht mehr ins Büro gehen würde? Ab wann wäre man quasi „krank genug“, dies nicht mehr zu tun? Und wie kann man als Arbeitgeber:in dafür sorgen, dass Mitarbeiter:innen nicht krank dennoch arbeiten? Wo fängt Krankheit an und beginnt die Selbstausbeutung?

 

Arbeit beginnt im Kopf

 

Unser Job ist die Wissensarbeit. Also Arbeit im Kopf – hauptsächlich zumindest. Während wir uns also körperlich nicht mehr imstande fühlen, zu arbeiten (oder ins Büro zu gehen), muten wir es unserem Kopf zu, weiter zu funktionieren. Und manchmal mag das gut gehen, zum Beispiel mit einem gebrochenen Bein oder einem leichten Schnupfen. Doch woran messen wir, wann es eben nicht mehr geht?

 

Es kommt darauf an, was raus kommt. 

 

Auch wenn sich unser Arbeitssystem noch immer an der Arbeiterbewegung und einem Alltag in der Produktion orientiert, dessen Resultat der seit 1918 gesetzlich vorgeschriebene 8-Stunden-Tag ist, so können wir uns dennoch fragen: Worauf kommt es wirklich an? Und wir finden: Es kommt nicht darauf an, ob du genau 8 Stunden gearbeitet hast. Es kommt nicht darauf an, ob du dabei eine Jogginghose trägst oder in der Badewanne sitzt. Sondern worauf es ankommt, ist der Outcome! Nicht zu verwechseln mit dem rein quantitativen Output wohlbemerkt. Es kommt also darauf an, was du geschaffen und geschafft hast. Welches Ergebnis du erarbeitet hast; wie du deine Organisation oder dein Produkt voran gebracht hast. Wenn du das auch zwischen zwei Inhalationsgängen oder mit dem Laptop im Bett erreichst – dann ist das Homeoffice eine gute Sache, denn es ermöglicht dir, deine Gesundheit mit deiner Arbeit zu vereinen. Wenn du dich aber dazu nicht in der Lage fühlst – dann bist du krank! Und solltest dich auch nicht von dem Umstand, sowieso in Jogginghose zuhause zu sitzen, dazu verleiten lassen, einfach weiter zu arbeiten.

 

Vom falschen Pflichtgefühl: FOMO am Arbeitsplatz

 

Oftmals sind wir nämlich gut darin, die körperlichen Anzeichen zu ignorieren. Denn schließlich ist da ja der Haufen Arbeit, den wir schaffen wollen oder ein Kollege, dem man etwas versprochen hat oder ein ganz dringendes Meeting, von dem man sich mehr Informationen zu einem Thema erhofft und es nicht verpassen möchte. Geht ja alles von zuhause aus! Doch FOMO (Fear of missing out = Angst etwas zu verpassen, Phänomen besonders befeuert durch Nutzung sozialer Netzwerke) ist auch am Arbeitsplatz nicht ratsam. Denn ich helfe meinen Kolleg:innen nicht, wenn ich mich von leichten körperlichen Beschwerden zu einem längeren Krankheitsausfall „krank arbeite“. Ich helfe meiner Organisation nicht, wenn ich 8 Stunden arbeite aber eigentlich nichts schaffe. Und ich helfe niemandem, wenn ich nicht auf mich selbst achte – denn dann kann ich auch auf niemanden um mich herum achten.

 

Die neue Achtsamkeit

 

Achtsamkeit ist längst kein esoterisches Nischendenken aus der Yoga-Ecke mehr. Schon im Flugzeug heißt es: Zuerst die Sauerstoffmaske für einen selbst, erst danach helfen Sie Mitreisenden. Denn wenn wir nicht auf uns aufpassen, dann sehen wir auch nicht, wenn es anderen schlecht geht - oder wir haben schlichtweg nicht die Kraft zu helfen. Es ist also nicht mit Egoismus zu verwechseln, wenn wir auch im Arbeitsalltag auf uns selbst und unsere Gesundheit achten. Es ist gesund, Grenzen zu ziehen. 

Denn mit unserem Körper ist es, wie mit Vielem: Es gibt nicht nur entweder - oder, nicht nur gesund oder krank - sondern eben auch etwas dazwischen. Aber wenn dieses “dazwischen” zum “Normal” wird, dann wird es ungesund. Sowohl für die eigene Gesundheit, als auch für die Organisation. Denn gesetzlich und betriebswirtschaftlich ist so ein Zwischenzustand höchst problematisch. Wenn er über lange Zeit anhält. Auf der anderen Seite brauchen wir - gerade im Homeoffice - durchaus hin und wieder eine große Prise Pragmatismus. Denn nur mit einer praktischen Einstellung lässt sich Homeoffice und Privatleben, Meeting und Kinderbetreuung, Haushalt, Familie und Job in einer Wohnung unter einen Hut bringen. Damit das funktioniert braucht es Vertrauen durch den Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin in die Kolleg:innen. Denn durch Kontrolle und Misstrauen schaffen Führungskräfte im Zweifel nur eine Kultur der um-17-Uhr-Stift-Fallenlasser:innen. Auf der anderen Seite braucht es Engagement, Ehrlichkeit und Achtsamkeit durch die Arbeitnehmer:innen. Nur in dieser Waage kann dann ein gesundes Verhältnis zum Thema Arbeit aufgebaut und erhalten werden. 

Und so kann es sein, dass man im Homeoffice doch mit triefender Nase noch kurz eine Mail schreibt. Aber nicht aus Zwang, nicht, um dem Misstrauen zu entgehen und nicht aus schlechtem Gewissen - sondern weil man es selbstbestimmt und ganz pragmatisch als gesündeste Lösung ansieht.

Nach diesem Artikel aber klappe ich dann mein Laptop zu. Ich habe meinem Team gesagt, dass ich mich den Rest des Tages erholen und auskurieren muss. So bin ich nach einer kleinen Sommergrippe spätestens übermorgen wieder fit. Fit im Kopf und im Homeoffice. Ganz ohne schlechtes Gewissen. 

 


Wir beschäftigen uns aus verschiedenen Blickwinkeln mit dem Thema Zukunft der Arbeit. Hier gibt es mehr darüber zu erfahren, z.B. unsere Studie zu Erfahrungen aus der Corona-Pandemie. Schaut doch mal rein, steht für euch kostenlos zum Download zur Verfügung!


 

 

Susanne Walter
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